Es fing schleichend an, so unmerklich, dass es anfags niemandem auffiel. Und dann plötzlich ein Begriff im Raum, den sie zuvor noch nie gehört hatten: Onlinerollenspielsucht. "Wir hatten unseren Sohn ans Internet verloren, an World of Warcraft", sagte Christine Hirte zu Beginn des Vortrags am Donnerstagabend in der Jakob-Sandtner-Realschule, den sie zusammen mit ihrem Mann Christoph Hirte hielt. Ein Referat von betroffenen Eltern, nicht von Fachleuten, das einerseits aufrüttelte und andererseits dazu aufforderte, den Mut zu haben, sich seinen Problemen zu stellen. Unterstützt wurden sie hierbei von der Hans-Seidel-Stiftung und dem Förderverein "Freunde der Jakob-Sandtner-Realschule".
Onlinerollenspiele wie World of Warcraft üben mit ausgezeichneter Grafik und unendlichen Möglichkeiten vor allem auf Kinder und Jugendliche eine große Faszination aus. Über 13 Millionen Menschen kreieren verschiedene Charaktere online, um Kämpfe gegen andere Mitspieler zu führen. Immer wieder verlieren sich Spieler in dieser virtuellen Welt und vergessen, dass es auch außerhalb des Spiels ein echtes, interessantes Leben gibt.
Diese Erfahrung haben auch Christoph und Christine Hirte mit ihrem Sohn machen müssen. "Irgendwann meldete er sich gar nicht mehr bei uns", erzählte Christine Hirte bei dem Vortrag. Er habe sein Studium abgebrochen, sich abgeschottet und sei zusehends verwahrlost. Für ihn zählte nur noch die fiktive Welt. Die Hirtes schafften es dennoch, ihren Sohn irgendwann nach Hause zu holen. "Wir hatten die naive Vorstellung: Jetzt wird er eine Therapie machen und dann ist alles gut". Doch so einfach ist es nicht, einen Spielsüchtigen zu heilen. Ihr Sohn wollte oder konnte sich nicht helfen lassen. Die Internetwelt war zu seiner neuen Heimat geworden, deswegen brach er schließlich den Kontakt zu seinen Eltern und zur Außenwelt ab.
Auch wenn sie ihren Sohn seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatten, gaben sie niemals auf, sondern kämpften um ihn. Sie riefen die Elterninitiative rollenspielsucht.de und den Verein "Aktiv gegen Mediensucht" ins Leben, um auch anderen Betroffenen zu helfen.
Dass der Computer heute zum Lebensalltag gehört, bestreiten die Hirtes nicht. "Ich brauche den Computer und das Internet tagtäglich für die Arbeit", so Christoph Hirte. "Wir möchten aber aufzeigen, was passieren kann, wenn man die Kontrolle über den PC-Konsum verliert." Von Anfang an solle man bei seinen Kindern darauf achten, dass sie keinen unkotrollierten Zugang zum Computer hätten und dass die Spielzeiten vorher auf ein bestimmtes Maß festgelegt sind, damit man die Kontrolle über den Spielkonsum der Kinder nicht verliert.
Einen Ausweg aus der Sucht zu finden ist schwer, aber nicht unmöglich. "Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie ihre Kräfte messen können, Herausforderungen, die sie stark machen", erklärte Christine Hirte. Die Wirklichkeit muss ihnen schmackhaft gemacht erden. Es gibt Hoffnung, auch im Fall der Familie Hirte. "Nach drei langen Jahren hat sich unser Sohn zu Weihnachten endlich gemeldet", berichtete Christine Hirte schließlich freudestrahlend. Er habe eine Therapie angefangen und scheint sich von der virtuellen Welt zu lösen.