Der Besucher des Gäubodenmuseums in Straubing steht gleich in der Eingangshalle fasziniert vor einer erstaunlichen Meisterleistung: Es ist das Modell der Stadt Straubing aus dem Jahre 1568, aus Lindenholz geschnitzt, maßstabsgetreu und bis in Kleinigkeiten der Wirklichkeit entsprechend. Leider ist es nur eine Kopie, das Original steht im Bayerischen Nationalmuseum in München und kann dort gemeinsam mit vier anderen Stadtmodellen bewundert werden. Herzog Albrecht V. hat in der Zeit von 1568 bis 1574 seine Herzogstädte München, Landshut, Ingolstadt, Burghausen und Straubing im Modell nachbilden lassen. Gefertigt wurden sie alle von einem Straubinger Drechslermeister, von Jakob Sandtner.
Es ist nicht allzu viel, was von der Biografie Sandtners bekannt ist. Er wurde im Herzen der Neustadt, in der heutigen Steinergasse 6 geboren. Sein Geburtsjahr ist nicht überliefert. Sein Vater, Leonhard Sandtner, war jedenfalls Straubinger Bürger und übte den Beruf eines Fragners aus, seine Mutter hieß Margareth. Jakob Sandtner selbst begegnet uns zum ersten Mal in einer Urkunde von 1561, die den Verkauf einer "Gült" durch den Straubinger Färber Mückh zum Inhalt hat. Bei der Beurkundung fungieren zwei Straubinger Bürger als Zeugen, ein gewisser Hanns Friesheimer und eben unser Jakob Sandtner. Als Zeugen wurden in der Regel nur angesehene Bürger zugelassen, die es im Leben bereits zu etwas gebracht haben. Wir dürfen davon ausgehen, dass Jakob Sandtner 1561 ein bekannter Drechslermeister war.
Allerdings scheint er 1567 in einen finanziellen Engpass geraten zu sein; es existiert eine Urkunde aus diesem Jahre, in der sich sein Bruder Ulrich, der zu dieser Zeit das Amt eines Unterrichters ausübte, und seine Mutter Margareth für Jakob Sandtner verbürgen, und zwar für eine Summe von "100 fl". Die Mutter steht dann zwei Jahre später noch einmal für den Sohn und dessen Ehefrau Katharina gut, ein erster Hinweis, dass Jakob Sandtner verheiratet war. Man darf rätseln, was die Ursachen für die eben erwähnten finanziellen Schwierigkeiten waren. Wenn wir aber bedenken, dass Jakob Sandtner 1568 das Modell seiner Vaterstadt Straubing fertiggestellt hat, dann ist es nicht abwegig, hier einen Zusammenhang herzustellen. Ein Drechslermeister, der statt Tische, Bänke und Stühle Modelle bastelt, die von niemanden gebraucht werden, muss in Schwierigkeiten geraten; so werden es seine Mitbürger wohl gesehen haben. Wahrscheinlich wurde er von seinen Zeitgenossen damals als ein eigenbrötlerischer Planer und Spintisierer angesehen. Verständnislos werden sie zugesehen haben, wie er die Häuser Straubings, die Straßen und Toreinfahrten vermessen und sich Notizen und Skizzen angefertigt hat, dann in der Werkstatt verschwunden ist, um bald wieder aufzutauchen und von vorne anzufangen. Wir dürfen davon ausgehen, Jakob Sandtner von seiner Arbeit besessen war und dass er an den Sinn seiner Tätigkeit geglaubt hatte. Als dann sein Werk, das Modell seiner Heimatstadt Straubing, fertig war, muss es wohl doch die Bewunderung seiner Mitbürger hervorgerufen haben. Wie Herzog Albrecht V. darauf aufmerksam geworden ist, wissen wir nicht. Die Vermutung liegt nahe, dass er es anlässlich eine Besuches in Straubing kennenlernte. Der Herzog erwarb jedenfalls das Modell und zeichnete den Drechslermeister dadurch aus, dass er ihm von 1570 bis 1574 weitere Aufträge erteilte. So entstanden in diesen Jahren die Modelle von München, Landshut, Ingolstadt und Burghausen. In diesen Jahren verlegte Jakob Sandtner seinen Wohnsitz von Straubing nach München; der Herzog entschädigte ihn für Miete "und anders", wie es in einer Urkunde heißt. Von 1576 bis 1579 erscheint Sandtner mit je jährlich 50 fl. unter den in der Hofzahlamtsrechnung aufgeführten Werkleuten.
1580 wurde ihm seine Provision aufgekündigt. Er bittet den Herzog noch einmal, ihn "mit einer gnedigen abferttigung vnd abschiedt zu begaben", damit er "sambt weib vnnd khindt" nach Ingolstadt zu übersiedeln könne. Das Jahr der Verabschiedung ist das erste Herzogsjahr Wilhelms V. Der neue Herr, Sohn und Nachfolger Albrechts, war nicht willens oder unter dem Druck der ererbten Schulden auch nicht in der Lage, den Drechslermeister Jakob Sandtner weiter unter seinen Werksleuten zu beschäftigen. Das vermutlich letzte Werk des Modellbauers, das Modell von Rhodos, wurde nicht mehr in die herzogliche Kunstkammer aufgenommen und konnte so die Zeiten nicht überdauern. Wir wissen nur aus wenigen Worten im Hofkammerprotokoll von seiner Existenz. Im Ficklerschen Inventar der Kunstkammer von 1598 findet sich auch noch das Modell der Stadt Jerusalem, das in der Machart den Sandtnerschen Modellen sehr nahe kommt und dem Straubinger Meister zugeschrieben wird. Diesem Werk fehlen verständlicherweise die Frische, Fülle und Dichte der bayerischen Stadtmodelle, aber sehr kunstreich ist auch dieses Modell einer erdachten, weitgehend aus der Fantasie geschöpften Stadt, eine interessante und erstaunliche Arbeit.
1580 zog also Jakob Sandtner mit seiner Familie nach Ingolstadt. Was dann aus ihm geworden ist, steht offen. In einer Rechnung der Münchner Hofzahlkammer taucht 1585 noch einmal ein Jakob Sandtner auf, der Maler ist und dem für eine Reise nach Venedig 50 fl. Zehrgeld bewilligt werden. Ob es sich hier um unseren Jakob Sandtner handelt, ist fraglich; es könnte auch sein Sohn sein. Unter seinen vier Kindern befand sich ein Sohn mit dem Namen Jakob.
Das Interesse Herzog Albrechts V. an den Stadtmodellen Sandtners kam nicht von ungefähr. Er hatte schon 1556 dem Philipp Apian, Professor an der Hohen Schule in Ingolstadt, den Auftrag gegeben, sein Land zu vermesssen. Apian kam diesem Auftrag nach, und 1563 war seine berühmte Karte fertig, eine Riesenkarte von 22 Schuh im Quadrat, also ca. 40 Quadratmeter groß. 1568, dem Jahr, in dem auch Sandtner sein Modell von Straubing fertiggestellt hatte, gab Apian seine Karte, auf ein Drittel verkleinert, in den 24 "Bayrischen Landtafeln" heraus. Beide Werke, die Bayerischen Landtafeln und das Straubinger Stadtmodell, sind die ersten Gehversuche einer noch sehr jungen Wissenschaft, einer geometrisch begründeteten Topographie. Das 16. Jahrhundert war geprägt von einem leidenschaftlichen Drang zur Erforschung, zur Erhellung und Begreifung der Wirklichkeit, all dessen, was um den Menschen herum seinen Sinnen gegeben war. In diese Wirklichkeit bezog man vor allem die "vaterländische Umwelt" ein, wie es in einer Schrift heißt, eine bislang immer noch "terra incognita", sie wurde entdeckt und be-staunt. Die Idee einer "Germania illustrata" war eine erregende Idee des deutschen Hummanismus, die auch, be-grenzt auf eine "Bavaria illustrata", vom Vater der bayrischen Geschichtsschreibung, von Aventin, gehegt wurde.
Der Kartograf des 16. Jahrhunderts abstrahiert und konkretisiert zugleich. Bei allem, was er von seiner Umwelt auf seine Karten bannen möchte, löst er sich nicht von der Anschauung, er will die Wirklichkeiten, Berg, See, Fluss, Stadt, noch veranschaulichen, wenn auch auf ein Minimum zurückgeführt. Die Stadt ist für ihn nicht nur ein Punkt, sondern immer noch ein Ausgedehntes, etwas Flächiges, immer noch kenntliche Stadt. Land wird im Fernblick, im Vogelblick geschaut, in drei Dimensionen dargestellt. Die Kartenzeichnungen verzichten nicht auf das Relief der in die Fläche gezeichneten Gegebenheiten.
Diese gewünschte Vorstellung, die Illusion einer dreidimensionalen Wirklichkeit kommt im Modell am idealsten zum Tragen. Das Modell ist kein Novum des 16. Jahrhunderts, aber die Darstellung eines größeren Objekts, einer Stadt zum Beispiel, wurde erst im 16. Jahrhundert versucht. Erst jetzt war eine geometrisch begründete, perspektivisch-ganzheitliche Raumvorstellung so weit entwickelt, dass man sich an eine so komplizierte Abbildung wagte, wie dies Jakob Sandtner mit seinen Stadtmodellen gelungen ist.
Jakob Sandtner schuf mit seinen präzisen Modellen nicht nur einzigartige Kunstwerke, sondern auch äußerst wichtige Quellen bayerischer Stadtgeschichte. Sandtner führte seine Werke nach dem neuesten Stand geometrisch begründeter Topografie aus und verband somit Lehre und handwerkliche Leistung, Theorie und Praxis, eine Verbindung, die ganz der Zielrichtung einer Realschule entspricht. "Die Realschule ist eine Schule für Kinder und Jugendliche, die aufgeschlossen sind sowohl für praktisches Tun als auch für theoretische Überlegungen, die geistig beweglich sind, ... und Fantasie und Kreativität zeigen." (Lehrplan 1.1 Ziffer 5) Gerade diese Eigenschaften waren es, die Jakob Sandtner auszeichneten und ihn Werke schaffen liessen, welche die Zeiten überdauerten.
Die Staatliche Realschule Straubing möchte mit dieser Namenswahl auch erreichen, dass der Name Jakob Sandtner noch mehr als bisher in Straubing repräsentiert ist und die Bedeutung seines Lebenswerkes noch stärker in das Bewusstsein der Straubinger Bürger gerückt wird. Jakob Sandtner ist einer der bedeutendsten Söhne der Stadt Straubing und würdig, dass sein Andenken lebendig bleibt.
© Friedrich Karl 1997